Doppelbelichtungen – gestern und heute

Beim Fotomarathon 2016 habe ich Doppelbelichtungen genutzt und damit den vierten Platz belegt. Von vielen Seiten wurde ich gefragt, wie ich die Bilder genau gemacht habe. Dass ich eine Technik verwendet habe, die schon zu analogen Zeiten verfügbar war, hat mich dazu angeregt einen Bericht darüber zu schreiben. Einen Erfahrungsbericht von der Anwendung der Doppelbelichtung mit alter und mit neuer Technik.

Für einen Erfahrungsbericht muss man zuallererst Erfahrungen sammeln. Also mache ich mich an einem Sonntag, bei heiter-herbstlichen Wetter auf den Weg. Im Rucksack die Canon 6D, mit dem EF 50mm 1.8 STM und die Canon AE-1 mit dem FD 35mm 2.8. Eine neue, digitale Kamera mit einem Sensor und eine alte Kamera mit einem Kleinbildfilm, genauer ein Kodak T-MAX 400. Zudem habe ich das Equipment dabei, dass mir auch schon beim Fotomarathon zur Verfügung stand. Die selbstgebaute Tafel, der Kreidestift und Tücher zum Reinigen. Das Papierschiff ist selbstverständlich auch wieder dabei.

Von meiner Wohnung aus breche ich in Richtung Überseestadt auf. Typische Wege, die ich immer wieder gehe. Doch genau das macht es fotografisch interessant. Zum wiederholten Mal komme ich an Motiven vorbei, die  entweder schon oft abgebildet wurden oder noch nie wahrgenommen wurden. Beides hält sich die Waage. An der Treppe vom Waller Wied zum Hafengebiet hinab, habe ich schon häufig Fotos gemacht. Doch das Papierschiffchen hat dort noch keine Rast eingelegt. Die Stelle ist relativ ruhig und ich kann mir, ohne allzu neugierige Blicke, Zeit nehmen und mit dem Fotografieren beginnen.

Die selbst gebastelte Unterlage, für die Kreidezeichnung besteht aus einer Plastikplatte die beidseitig mit Tafelfolie beklebt ist. Auf dieser zeichne ich eine Kreidezeichnung mit dem Flüssigkreide-Edding. Dieses Bild ergibt das Motiv für den ersten Teil der Doppelbelichtung.

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Fig. 1: Rechts im Bild ist die mit der Flüssigkreide hergestellte Zeichnung für die erste, der beiden Belichtungen, zu sehen. Links im Bild die alte Canon AE-1 mit der die analogen Bilder aufgenommen wurden.

In der Canon 6D stelle ich im Menü die Mehrfachbelichtung ein und wähle als Steuermethode „additiv“. Hierdurch werden die nacheinander durchgeführten Belichtungen addiert. Das Papierschiffchen positioniere ich unterdessen an einem alten Torelement. Dann können die beiden Belichtungen vorgenommen werden.

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Fig. 2: Die erste Belichtung; der Zeichnung

Der Sensor nimmt das Licht auf, welches über das Objektiv eintritt. Als Einzelbild erkennt man in Fig.2 helle und dunkle Bereiche. Wird das zweite Bild der Doppelbelichtung nun zu diesem addiert, werden die Lichtmengen auf dem Sensor ergänzt. In den hellen Bereichen führt die zusätzliche Belichtung zu wenig Veränderung, da vollständiges Weiß nicht weiter gesteigert werden kann. In den Dunklen Bereichen hat der Sensor hingegen erst wenige bis keine Belichtung erfasst. Hier erzeugt die zweite Belichtung eine deutlichere Veränderung.

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Fig. 3: Der zweite Teil der Belichtung; das Motiv (hier als Einzelbild aufgenommen)

Die Bilder in Fig. 2 und in Fig. 3 wurde als Einzelbild aufgenommen, um die Bearbeitungsschritte zu verdeutlichen. Werden diese beiden in Photoshop zusammengeführt (Hier kann die Methode „negativ multiplizieren“ gewählt werden) ergibt es das gleiche Ergebnis, wie bei der Doppelbelichtung.

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Fig. 4: Zusammengeführte Bilder aus Fig. 2 und Fig. 3, in Photoshop.

Das vor Ort aufgenommene Bild, der Doppelbelichtung in der Kamera, sieht dem Ergebnis aus Photoshop sehr ähnlich. Die erste Belichtung war in diesem Fall etwas kürzer, so dass die Linien der Kreidezeichnung weniger präsent sind. Und die zweite Belichtung war etwas länger, so dass die Farben deutlicher hervortreten.

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Fig. 5: Doppelbelichtung aus der Canon 6D

Doch wie funktioniert das ganze bei der analogen Kamera. Dazu muss man sich nur vor Augen führen wie die analoge Kamera funktioniert. Für jedes Bild wird ein Teil der Filmrolle belichtet. Jedes Bild ergibt ein Negativ. Und dem Film ist es egal, ob er einmal belichtet wird oder mehrmals. Dies wird nur durch die Technik bestimmt, mit der die Kamera den Filmtransport vornimmt. Die Canon AE-1 muss von Hand gespannt werden. Der Hebel rechts oben muss nach jedem Auslösen neu betätigt werden. Dabei passieren zwei Dinge, mechanisch. Zum Einen wird der Film weitertransportiert, so dass der gerade belichtete Teil des Films durch einen unbelichteten Bereich ausgetauscht wird. Zum anderen wird der Schlitzverschluss gespannt, so dass eine neue Belichtung ausgelöst werden kann. Würde der Filmtransport nicht vorgenommen, würde auch immer die selbe Stelle des Films belichtet. Um diesen Mechanismus des Transportes gezielt zu unterbinden, kann man bei der Canon AE-1 am Boden einen Knopf drücken. Der Filmtransport wird dann für den nächsten Spannvorgang ausgesetzt.

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Fig. 6: Unterteil der Canon AE-1; auf der rechten Seite ist der Knopf mit der außermittigen weißen Markierung für den Filmtransport zu erkennen

Auf dem Knopf für den Filmtransport ist eine weiße Markierung, außermittig angebracht. Da sich der Knopf beim Filmtransport dreht, kann hier kontrolliert werden ob der Film sich bewegt hat oder nicht. Dies ist beim ebenfalls manuellen Zurückspulen des Films in die Patrone hilfreich. Doch bei der Doppelbelichtung ist es von herausragender Wichtigkeit. Bewegt sich der Film nur minimal, erfolgt die Belichtung nicht mehr an der selben Stelle, wie bei der ersten Belichtung. Um die Bewegung möglichst einzuschränken, kann man auf der Oberseite der Kamera, auf der sich die Kurbel für das Zurückspulen befindet, einen leichten Druck auf die Achse der Filmspule ausüben. Hierdurch wird der Film etwas auf Spannung gehalten und versehentliche Bewegungen werden reduziert.

Grundsätzlich können mit der analogen AE-1 die Doppelbelichtungen genauso vorgenommen werden, wie mit der 6D. Rein physikalisch erfolgt immer eine additive Mehrfachbelichtung.

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Fig.7: Doppelbelichtung AE-1 auf Kodak T-Max 400. Die Belichtungen waren hier nicht deckungsgleich.

Mit der analogen AE-1 habe ich gleich mehrere Versuche durchgeführt. Im Hinterkopf hatte ich bereits die etwas ungenaue Steuerung des Filmtransportes bei der  fast 40 Jahre alten Kamera. Und beim ersten Motiv ist mir kein Versuch gelungen, bei dem die Belichtungen deckungsgleich sind. Dafür kann man in Fig.7 im rechten Bildbereich deutlich einen Vertikalen Trennstreifen erkennen. Rechts von diesem ist ein Teil des Grundmotivs nur einfach belichtet. Links davon erkennt man den doppelt Belichteten Bereich. Dieser ist auch etwas blasser, als das einfach belichtete Foto. Ganz links im Bild ist hingegen der einfach belichtete Bereich der Kreidetafel zu erkennen.

Bereits bei diesem Motiv wird der große Tonwertumfang und der Belichtungsspielraum des Films deutlich. Trotz doppelter Belichtung ist ein hoher Kontrastumfang zu erkennen.

Nachdem die ersten Fotos im Kasten sind geht es weiter. Immer in Richtung Weser. Auf der Suche nach neuen Perspektiven weckt eine Straßenlaterne mein Interesse. Mit dem selben Vorgehen werden die Bilder digital, wie auch analog angefertigt.

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Fig. 8: Kreideskizze des zweiten Bildes

Die Kreidetafel sollte relativ vollflächig mit einer Zeichnung versehen werden. Mit der Kamera kann dann der Ausschnitt gesucht werden, der später im fertigen Bild auftauchen soll. Fig.8 zeigt die gesamte Tafel, aus der im fertigen Bild in Fig. 10 nur ein Teil abgebildet ist.

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Fig. 9: Grundmotiv des zweiten Bildes

Das Foto in Fig. 9 zeigt das Motiv als Einzelaufnahme. Auf eine Zusammenführung in Photoshop habe ich bei diesem Bild verzichtet. Unten in Fig. 10 ist die Doppelbelichtung aus der Canon 6D abgebildet.

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Fig. 10: Doppelbelichtung  der Canon 6D des zweiten Motivs

Das fertige Bild aus der analogen AE-1 ist in Fig. 11 abgebildet. Hier hat es auch funktioniert, die Belichtungen deckungsgleich zu bekommen. Hier habe ich peinlich darauf geachtet, dass ich die Filmspule auf Spannung halte.

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Fig.11: Doppelbelichtung der AE-1 des zweiten Motivs

Rein aus Bequemlichkeit habe ich für das dritte Motiv mein Lager auf einer Bank aufgeschlagen. Das Licht ist gerade warm und herbstlich. Die Linien, die die Zwischenräume in der Bank bilden, sind interessant. Also platziere ich das Papierschiff parallel dazu und schieße ein Testfoto, mit der 6D.

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Fig. 12: Parkbank als drittes Motiv; Das Papierschiff platziert, die AE-1 liegt bereit und unten ist die Tafel mit der Kreidezeichnung zu erkennen

Das Motiv finde ich auch schon ohne eine Kreidezeichnung gut. Das ist höchst subjektiv, doch trotz allem der Schlüssel zu dieser Art von Fotos. Die Kreide ist ein zusätzliches, spannendes Element. Es läßt den Betrachter, der nichts über die Herkunft weiß, fragend zurück. Doch das Bild wird nur gut, wenn das Motiv auch ohne die Kreide schon spannend ist. Es ist wie der i-Punkt. Ein ‚i‘ erkennt man auch ohne Punkt, doch mit i-Punkt ist es vollkommen. Doch ein i-Punkt alleine bleibt doch nur ein Punkt.

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Fig. 13: Das Testfoto mit der 6D, ohne die Kreidezeichnung; ist auch so schon ein interessantes Motiv

Mit der Digitalkamera zeigt sich ein schönes Bild mit sehr heller Wirkung, die mir persönlich momentan gut gefällt.

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Fig. 14: Doppelbelichtung mit der Canon 6D des dritten Motivs

Doch auch das analoge Foto ist gut geworden. Wie auch bei den anderen analogen Fotos ist der große Kontrast bemerkenswert.

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Fig. 15: Doppelbelichtung mit der AE-1 des dritten Motivs

Ob die analogen oder die digitalen Fotos besser sind will ich garnicht bewerten. Mir gefallen beide sehr gut. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht zu zeigen, dass die verwendete Technik auch analog funktioniert.

Der anstrengendste und spannendste Teil dieses Beitrages war es für mich, auf die analogen Bilder zu warten. Begonnen habe ich am 23.10.2016, als ich die ersten Belichtungen durchgeführt habe. Den, nichtmal vollen Film, habe ich dann am 5.11.2016 zu Foto Bischof gebracht um bis zum 15.11.2016 auf die Entwicklung zu warten. Ein sehr langwieriger Prozess.

Die analoge Fotografie entschleunigt. Jedes Bild wird mehrfach durchdacht. Die Einstellungen werden doppelt überprüft. Alles wird manuell und bewusst eingestellt. Das spannen des Verschlusses und der Filmtransport sind eine haptische Erfahrung, die man bei der digitalen Fotografie nicht mehr erfährt. Für mich ist der lange Weg vom der Belichtung bis zum entwickelten Foto jedoch unbefriedigend. Selbst die Entwicklung der Negative zu übernehmen und einen Scanner anschaffen, dass wäre vielleicht eine Alternative. Doch die sehr gute Qualität meiner digitalen Kamera und die vielen Vorteile im Workflow lassen mich davon absehen.

Ich werde die AE-1 weiter benutzen. Nicht weil ich von den Bildern überzeugt bin, sondern weil es eine andere, meditativere Art der Fotografie ist. Ausserdem ist sie ein Erbstück und mit Erinnerungen verbunden.

Zum Schluss noch einmal eine Gegenüberstellung der digitalen und analogen Fotos:

 

 

 

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